im winter

im sommer
hängt die wäsche über nacht an der leine
damit die sonne sie nicht ausbleicht

im winter
hänge ich tagsüber an der wäscheleine
damit die nacht mich nicht ausbleicht

 

© Maya Rinderer | 30.12.2014

Advertisements
im winter

morgen danach

in der sonnenlosen morgendämmerung
begab ich mich auf meinen walk of shame
mit einem pappbecher kaffee in der hand
und dem säuerlichen nachgeschmack
einer durchgetrunkenen nacht im mund

die busfahrt brachte mich in die falsche richtung
der fußweg war weniger sonnenlos
ich fing an zu schwitzen während ich
die hausnummern in abzählreime stellte
das nennt ihr doch nicht ernsthaft winter leute

meine mutter rief an und bat mich
auf meinem nachhauseweg klopapier einzukaufen
sie vermutete mich in einem ganz anderen stadtteil
weil ich ihr ein ausführlich konstruiertes alibi
aufgetischt hatte bevor ich am vorabend wegging

ein gärender haufen abgeschnittener palmwedel
versperrte den gehsteig an einer stelle
mir wurde etwas schlecht vom geruch und
ich schwor mir nie wieder so viel arak zu trinken
außerdem ist alkohol für zwei hier viel zu teuer

 

© Maya Rinderer | 28.12.2014

morgen danach

wie du mit fünfzehn warst

mit achtzehn weißt du nicht mehr
wie du mit fünfzehn warst
ein schwarzer luftballon steigt ins himmelblau
papa kauf mir kauf mir kauf mir

mit fünzehn gehörte dir die welt
oh so überaus erwachsen
papa zahl mir papa zahl mir
die kaution ich will hier nicht übernachten

ein schwarzer luftballon steigt ins himmelblau
wach auf lieber engel du braves kind
schlag dem fisch den kopf ab
schnell schnell er zappelt so sehr

 

© Maya Rinderer | 26.12.2014

wie du mit fünfzehn warst

menschentabellen

macht bitte kein drama wegen asphalt auf euren vorplätzen
oder asphalt in euren lungen und wirbelsäulen
habt ihr euch eben mal an ganzen straßenkreiden verschluckt
wenn euch das nicht umbringt wird es etwas anderes tun

ihr solltet den kindern die bösen wörter im voraus erklären
ihre armen braven gehirne klären und aufmachen
ihnen alle blumensträuße in die schwitzigen hände drücken
manche langsamkeiten wollen zwangsbeglückt werden

fragt die menschen einfach nach ihren pronomen
und wenn ihr sie nicht deklinieren könnt lasst euch helfen
malt die kästen mit straßenkreiden vor euch auf
seht wie leicht ihr von einem in die andere springen könnt

 

© Maya Rinderer | 18.12.2014

menschentabellen

eisprinzessin

nachdem ich alle herzemojis mit schneeflocken ersetzt habe
muss ich plötzlich nur auf einen bestimmten songtext hören
um lungen von zersplitternden rippen durchbohrt zu spüren
das hat aber nichts mit meinen staubigen augäpfeln zu tun

ich stehe nicht auf verrückte stühle und deine kalten finger
die auf dem puls meines handgelenks ruhen und nichts tun
ich glaube manchmal dass ich mich einmal im leben auf den
falschen stuhl gesetzt und auch das falsche herz ersetzt habe

so als erklärung für meine spätabendliche müde nachricht
ich habe darin wie hier alle satzzeichen weggelassen das ist
eben meine art geworden und ich will nicht damit angeben
wie viel ich vom oxfordkomma und vom semikolon verstehe

 

© Maya Rinderer | 14.12.2014

eisprinzessin

ruhm

manchmal sehne ich mich nach großbuchstaben
in meiner biographie
manchmal möchte ich einen punkt setzen
und manchmal an meiner füllfeder weiterziehen
bis der gedankenstrich abreißt

eine zeit lang ließ ich mir monatlich blut abnehmen
ich liebte seinen fröhlichen anblick
ich tupfte meine armbeuge mit wattewolken ab
und interpretierte mehr als da war
in diesen kleinen roten punkt

ich habe mir meine sehnsucht amputieren lassen
sie rammten mir spritzen in mein fleisch
manchmal hungere ich nach großartigkeiten
die mir zu lebzeiten
sogar noch mehr bringen als nach dem tod

 

© Maya Rinderer | 14.12.2014

ruhm

ziehen zog gezogen

als meine haut noch falten warf
und wir mit einer sprühdose und einer flasche wodka
durch die nachtverhangenen straßen zogen

als ich meinen bh unter dem kleid ausziehen musste
weil ich sonst keine luft mehr bekam
als zwei finger in die falte meiner taille passten

als meine schenkel im sommer schmerzhaft aneinander rieben
ich meinen hass auf die welt an hauswänden ausließ
und alle dehnungstreifen aufplatzten

mit blaugefärbten fingerkuppen
überschlug ich mein leises körpferfremdgefühl
und zog den nachtvorhang vor meinem blassen gesicht zu

 

© Maya Rinderer | 07.12.2014

ziehen zog gezogen